Weg zur Harmonie der Kräfte: Aikido

„Aikido?“ – Diese Frage höre ich seit einiger Zeit häufiger. „Ja, Aikido.“, antworte ich dann, „Mein neues Hobby.“
Und das kam so:

Gute Vorsätze
Auch wenn ich nicht viel von guten Vorsätzen für das neue Jahr halte, einhalten kann man eh die Wenigsten, hatte ich mir für dieses Jahr jedoch vorgenommen, mich weiter in die japanische Lebensart zu integrieren und mehr Sport zu treiben.

Und ich muss sagen, ich habe beides in die Tat umgesetzt. Ich habe mich der japanischen Kampfkunst „Aikido“ zugewandt.

Zu Beginn einer jeden Übungseinheit, Präsentation oder Prüfung steht die traditionelle Begrüßung des „Sensei“, des Lehrers.

Wie ich dazu kam

Die Idee kam während der letztjährigen Firmen-Jahresend-Feier. Während der üblichen Konversation bei Bier und Sushi kamen wir auf das Thema Kampfsport bzw. Selbstverteidigung zu sprechen und einer meiner russischen Kollegen fragte, ob ich nicht Lust hätte einmal Aikido auszuprobieren. Zumal auch ein weiterer meiner japanischen Kollegen schon mit Begeisterung dabei sei. Und da es gerade eh in meinen Neujahrsvorsatz passte, ließ ich mich breitschlagen, ein Probetraining zu absolvieren.
So ging ich in Anfang Januar zu meinem ersten Aikido-Training. Und bin seitdem dabei geblieben.

Neben der Erwachsenenabteilung gibt es auch eine Abteilung für Kinder und Jugendliche. Auch die Kleinsten konnten ihre Künste vorführen.

Was ist Aikido?

Aikido zählt zu den modernen japanischen Kampfkünsten und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt. Aikido (jap. 合気道) ist eine sehr defensive Kampfkunst, die darauf hinzielt, die Energie eines Angriffs nicht zu blocken, sondern so abzuleiten, dass es dem Angreifer unmöglich ist seinen Angriff fortzusetzen oder einen neuen Angriff zu starten.
Die drei japanischen Schriftzeichen bedeuten 合(Ai) = Harmonie, 気(Ki) = Lebensenergie und 道(Do) = Lebensweg. Zusammengefasst könnte man Aikido also in etwa mit „Weg zur Harmonie der Kräfte“ übersetzen.
Wie in anderen Kampfkünsten gibt es auch im Aikido die verschiedenfarbigen Gürtel bis hoch zum „Schwarzen Gürtel“. Allerdings gibt es im Aikido keine Wettkämpfe im klassischen Kampf „Mann-gegen-Mann“, da Angriffstechniken vollkommen fehlen. Vielmehr werden im Aikido die „Kontrahenten“ in „Shite“, denjenigen der die Technik anwendet und „Uke“, denjenigen an dem die Technik, „Waza“ genannt, angewendet wird, unterteilt. Der „Uke“-Part besteht hauptsächlich darin, einen Angriff, z.B. einen Faustschlag, der ein Festhalten oder Umklammern, zu simulieren. Zugehörig zum „Uke“-Part sind auch Fall- und Abrolltechniken, die Verletzungen verhindern.
Der „Shite“-Part dagegen versucht die Energie des Angriffs abzulenken und den Gegner ohne dessen Wissen zu kontrollieren. Dies geschieht hauptsächlich dadurch, das Gehirn des Angreifers zu verwirren und ihm keinerlei Signale, etwa durch Gegenwehr oder starkes Greifen, über eine bevorstehende Aktion zukommen zu lassen. Es reicht dazu oft schon aus, etwa einen Gegenschlag nur anzudeuten oder anstelle eines beherzten Griffes die Hand nur sanft aufzulegen. Und ehe es sich der Gegner versieht, liegt er schon auf dem Boden.
Neben den Techniken gegen den Angriff mit ohne Waffen gibt es auch „Waza“, die gegen Angriffe mit Stock, Schwert und Messer angewendet werden können und teilweise auch selbst den Einsatz einer solchen Waffe beinhalten. Jedoch werden zu diesem Zweck nur Übungswaffen aus Holz verwendet.

Auch ich durfte meine bis dato erlernten Kenntnisse anwenden.

Verein oder kommerzieller Anbieter?

Sport wird in Japan anders angeboten als zum Beispiel in Deutschland. Während in Deutschland Sport hauptsächlich in typischen Sportvereinen mit Ehrenamtlichen getrieben wird, stehen in Japan vorwiegend kommerzielle Sportschulen zur Wahl. Die Beiträge in diesen Schulen sind recht hoch, da sie neben den Kosten für Miete der Trainigsräume und Löhne für Trainer auch einen gewissen Gewinn abwerfen sollen.
Vereine, mit Ehrenamtlichen, sind eher rar gesät. Umso mehr erfreut war ich zu erfahren, dass der Verein in dem ich nun trainiere von Ehrenamtlichen unterhalten wird. Der monatliche Beitrag ist nicht allzu hoch und wird hauptsächlich für die Miete des Dojos, des Übungsraumes, und für gemeinsame Aktivitäten verbraucht. Mehr Informationen über den Verein gibt es hier.

Präsentation

Jedes Jahr Ende März präsentieren die Vereinsmitglieder ihren Familien, Freunden und anderen Interessierten, was sie im vergangenen Jahr gelernt haben.
Die diesjährige Präsentation fand am 25.03. statt und selbst ich als „Frischling“ durfte ein Teil des Programmes sein. Zu diesem Zweck trainierte ich fünf einfache „Waza“ als „Uke“ und fünf als „Shite“. Während mein Partner im Training noch ein Anfänger wie ich war, war mein Partner in der Präsentation ein schon fortgeschrittener Aikidoka mit braunem Gürtel.
Die Präsentation dauerte etwa zwei Stunden und neben den einfachen „Waza“, die wir Anfänger vorstellten gab es eine Vielzahl von Demonstrationen, was im Aikido machbar ist.
Von den kleinsten Kindern, den High School Kids und Studenten bis hin zu den jahrzehntelang trainierten Profis; jeder zeigte im Rahmen seiner Möglichkeiten, welche Vielfältigkeit Aikido bietet. Es gab einfache „Waza“, Techniken zur Verteidigung in Alltagssituationen, komplexe „Waza“, sowie freie Techniken und sogar, für die Kleinsten, Spiele bei denen Gruppen gegeneinander antreten und einander versuchen auf den Rücken zu legen.
Der Applaus nach Beendigung des Programms ließ keinen Zweifel darüber, dass die Präsentation ein voller Erfolg war.
Doch damit war der Tag noch nicht zu Ende: Nach der anstrengenden Präsentation und dem Aufräumen blieb noch gerade genug Zeit sich für die Party am Abend fertig zu machen.
(Da es sich um eine Nomihodai- (All-you-can-drink) Party in einem mexikanischen Restaurant handelte, sollen Details im Tequila-Nebel der Erinnerung verbleiben…)

Jahrelange Erfahrung berechtigt zum Tragen des Schwarzen Gürtels. In diesem Stadium der Ausbildung sind Schritt-, Arm- und Körperbewegungen wie „aus einem Guss“.

Erste Erfolge

Ich praktiziere Aikido jetzt seit etwas über einem halben Jahr. Neben dem Spaß den mir das Training bereitet und der damit einhergehenden Fitness, stellen sich auch erste Erfolge ein:
Anfang Juni stand eine Prüfungsrunde an. Ich meldete mich, wenn auch nicht ganz freiwillig, für die Prüfung zum 6. Rang an. Neben der korrekten Haltung, dem korrekten Hinknien und der Grundschritte, standen auch vier „Waza“ an, die zusammen mit einem Partner vorgemacht werden mussten. Mein gesamtes Programm dauerte etwa 15 Minuten und wurde von Sensei und zwei weiteren Vereinsmitgliedern beobachtet und bewertet.
Nachdem alle Prüflinge ihre jeweiligen Prüfungen abgelegt hatten, ging Sensei zu jedem einzelnen und besprach Kritikpunkte.
Nach gut einem Monat bekam ich nun meine Urkunde:

Urkunde über die bestandene Prüfung.

Zusammenfassung
Auch in fortgeschrittenem Alter kann man noch etwas Neues lernen. Und da im Büro die Bewegung etwas kurz kommt, ist ein wenig Sport nicht das Schlechteste, was man seinem Körper antun kann. Was das Training selbst betrifft bekomme ich viel Hilfestellung von allen Seiten und die Menschen in meinem Verein freuen sich, wenn sie ihr Wissen über Aikido vermitteln können. Auch wenn es manchmal ein paar Sprachschwierigkeiten gibt.
Alles in allem habe ich die Entscheidung, trotz meines hohen Alters, mit dem Aikido anzufangen (noch) nicht bereut und freue mich schon darauf, meine kleinen Fehler in jedem einzelnen der bisher praktizierten „Waza“ auszumerzen und neue Techniken zu erlernen.

Ich freue mich auf Kommentare!