„Olle Kamellen Reloaded“: Der 11. März 2011 – Der Tag, der alles veränderte

Am heutigen Tag jährt sich das große Erdbeben von Tohoku und die dadurch ausgelöste Nuklear-Katastrophe von Fukushima zum fünften Mal. 
Aus diesem Anlass möchte ich die beiden folgenden Artikel, die ich einige Zeit nach den beschriebenen Ereignissen veröffentlicht habe, noch einmal in Erinnerung rufen. Sie behandeln die Stunden und Tage nach dem großen Tohoku-Erdbeben am 11.03.2011:

Hallo Freunde! Es tut mir Leid, dass ich erst jetzt zum Bloggen komme, aber die letzten Wochen waren sehr aufregend und ich bin nicht dazu gekommen, zu schreiben. Vorab möchte ich allen Danke sagen, die sich in den letzten zwei Wochen so sehr um mich gesorgt haben. Vielen Dank für die Anrufe und Nachfragen bei mir, meinen Eltern und meinen Geschwistern! Es ist schön zu Wissen, das man nicht ganz in Vergessenheit gerät, auch wenn man tausende Kilometer von Zuhause entfernt ist. Ich werde auch weiterhin in Japan bleiben. Die Situation ist zwar angespannt und durchaus furchterregend, aber aufgrund der Fakten ist Tokio zur Zeit ein sicherer Ort zum Leben. Im Folgenden möchte ich die Geschehnisse am 11. März aus meiner Sicht schildern. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich dann erzählen, wie es mir in den letzten zwei Wochen ergangen ist. Hier also meine Geschichte:
Der 11. März begann wie jeder andere Arbeitstag auch. 9:00 Uhr an der Uni und dann ein wenig lesen und auswerten, bis ich so gegen 12:15 Uhr nach Nishi-Kasai aufbrach, um dort mit meinen neuen Kollegen letzte Details zu meinem Start bei Tokyo Instruments zu besprechen. Als ich dort gegen 13:00 Uhr eintraf nahm mich Igor mit zu Uetsuki-san, dem Guten Geist des Hauses wenn es darum geht, den Ausländern in der Firma das Leben etwas angenehmer zu gestalten. Mit Uetsuki-san ging ich dann auch gleich los, mir Wohnungen in der näheren Umgebung von Nishi-Kasai anzusehen. Gerade als wir mit der letzten Wohnung fertig waren und das Maklerbüro betreten wollten, fing die Erde an zu beben. Nichts aussergewöhnliches, tut es das doch in Tokio recht regelmässig. Allerdings wurden die Erdstöße immer stärker und die Häuser rundherum fingen stark an zu schwanken. Etwas, was ich so zum ersten Mal gesehen habe. Auf einen Zuruf der Maklerin hin rannten alle ihre Mitarbeiter, sowie Uetsuki-san und ich auf die gegenüberliegende Straßenseite, auf den großen freien Platz vor der Bahnstation von Nishi-Kasai. Nun ja, rennen ist vielleicht übertrieben. Es war mehr ein Wanken, denn es wurde einem regelrecht der Boden unter Füßen weggezogen. Selbst das Stehen war, ohne sich festzuhalten, nicht möglich. Nachdem die Erdstöße nach einer guten Minute abgeklungen waren, standen hunderte von Menschen auf den Straßen um uns herum. Sichtlich geschockt ob der Intensität und Heftigkeit des gerade Erlebten.

Erdbeben

Epizentrum und Auswirkungen des Erdbebens auf ganz Japan.

Auch wir machten uns danach auf den Weg zurück ins Büro. Dort angekommen sah man auch in den Gesichtern der neuen Kollegen, dass dieses Erdbeben nicht ganz gewöhnlich war. Erst nach und nach sickerten Informationen durch. Eine 5 auf der japanischen Skala sei es in Tokio gewesen. In Odaiba, einer künstlichen Insel in der Bucht von Tokio, soll es brennen. Mehr war zu diesem Zeitpunkt nicht zu erfahren. Da ich noch einige Dinge mit der Verwaltung besprechen musste, gingen Igor und ich zu den entsprechenden Mitarbeiterinnen und waren mitten in der Unterhaltung, als die Erde erneute zu Beben begann. Auf den Ruf „Under the desks!“ hin krochen wir alle unter die Schreibtische, so wie es jeder Japaner von Klein auf lernt.
Im weiteren Verlauf gab es noch diverse stärkere Nachbeben. Etwa gegen 16:00 Uhr schaffte ich es eine SMS an meine Familien zu schicken, in der ich ihnen berichtete, dass ich am Leben sei. Woran ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gedacht habe, war, dass es in Deuschland ja noch früher morgen war und ich erstaunt war über die SMS, die ich mit der Frage zurückbekam, was denn eigentlich los sei. So schilderte ich die Situation und machte mich auf den Weg zurück zur Uni. Doch wie bei jedem stärkeren Erdbeben war der komplette Zugverkehr gestoppt. Es ging also erst einmal gar nichts. Anstatt vor der Station zu warten entschloss ich mich, zurück zu Tokyo Instruments zu gehen und dort Informationen einzuholen, wann oder wie ich zurück zur Uni gelangen kann. Auf dem Weg dorthin kam ich an einem Laden vorbei, der einen Fernseher mit den neuesten Nachrichten draussen stehen hatte. Und dort sah ich wie der Tsunami ohne abgebremst zu werden einfach Häuser, Autos und Schiffe überrollte. Diese Bilder waren so schockierend.
Durch einen glücklichen Zufall konnte ich trotz stark überlasteter Mobilfunknetze meinen indischen Mitarbeiter Venkatesh erreichen, der mir von einer Busverbindung zwischen Nishi-Kasai und Akihabara berichtete. Eigentlich genau das, was ich brauchte. So machte ich mich gegen 17:00 Uhr auf den Weg zur Bushaltestelle. Die Beschreibung Venkateshs war hinreichend genau und schon von Weitem konnte man die lange Schlange der Wartenden erkennen. Ich reihte mich also ein und wartete und wartete und wartete. Zwei Busse der avisierten Linie 26 fuhren vorbei, da sie so voll gepackt waren, dass niemand mehr hätte hineinpassen können. Also wartete ich weiter. Als nach etwa drei Stunden warten kein weiterer Bus aufkreuzte, überlegte ich Alternativen. Laufen? Möglich. Sind nur etwa 20km. Andere Alternativen? Ja. Igor hatte inzwischen angerufen und sich erkundigt, wo ich sei. Er wollte einen weiteren Kollegen anrufen, der mir gegebenenfalls sein Fahrrad zur Verfügung stellen würde. Doch gerade in diesem Augenblick fuhr der Bus vor und der Fahrer machte einen entscheidenden Fehler: er öffnete die Türen. Da ich mittlerweile als erster in der Schlange stand, quetschte ich mich hinein. Und es war wirklich nicht mehr viel Platz. Aber immerhin war ich nach gut dreieinhalb Stunden Wartezeit in der Kälte immerhin im Warmen. Und es bewegte sich was. Gegen 23:30 Uhr erreichte der Bus dann, trotz eines so nie erlebten Verkehrschaos, Akihabara. Von dort aus lief ich dann die zwanzig Minuten zur Uni, nahm meine Sachen und fuhr mit meinem Rad nach Hause. Immer in der Hoffnung, es möge noch stehen. Was es auch tat. Lediglich ein Glas ist zu Bruch gegangen und die Kühlschranktür stand offen.
Trotz der widrigen Umstände mit dem überlasteten Mobilfunknetz, konnte ich ab und zu Anna, meine Schwester oder meine Eltern per SMS erreichen, sodass zumindest einer darüber informiert war, wo ich gerade bin und was ich mache. Dank der modernen Internetkommunikation konnten diese Informationen dann über Manila nach Hamm, oder umgekehrt, weitergegeben werden. Zu Hause angekommen konnte ich dann glücklicherweise mit meinen Eltern und Anna skypen. Die ganze Zeit geschüttelt von Nachbeben.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich von der Katastrophe in Fukushima noch nichts. Gegen 2:30 Uhr bin ich dann ins Bett gegangen. Nicht ohne meinen Notfallrucksack, die Schuhe und die Jacke bereitzustellen, falls ein stärkeres Nachbeben eine Flucht nötig macht. Es gab dann gegen 4:30 Uhr ein weiteres starkes Beben in Niigata und gegen 6:00 Uhr eines in der Nähe von Sendai. Beide waren in Tokio deutlich zu spüren.
Der nächste Tag begann dann mit den Hiobsbotschaften aus Fukushima.
Einige Sachen sind mir während der Warterei an der Bushaltestelle aufgefallen: Die Japaner waren ganz ruhig und haben sich über nichts aufgeregt. Wenn der Bus voll ist, wartet man halt auf den Nächsten. Viele Japaner sind auch zu Fuß unterwegs gewesen, oft stundenlang und kilometerweit. Auch meine Kollegen an der Uni waren recht cool. Einige konnten nicht nach Hause. Na und? Dann übernachtet man halt in der Uni. „Shikata ga nai“ – „Nix zu machen“, ist die vorherrschende Devise der Japaner.

Pray For Japan

Betet für Japan! In Anbetracht der vielen zu beklagenden Toten, Vermissten und Verwundeten eine kleine Geste der Menschen rund um den Erdball.

Es ist nun mehr als einen Monat her, dass sich das „Tohoku-chiho taiheiyo-oki jishin“ ereignet hat. Von meinen Erlebnissen am Tag des Bebens habe ich ja schon berichtet. Nun möchte ich eine kleine Zusammenfassung dessen geben, was in den darauffolgenden Tagen geschehen ist.
 
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Ältere Häuser in Tokio wurden durch die Wucht des Bebens beschädigt.

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Aber auch das modernste Gebäude in Tokio, der SkyTree kam nicht ohne Blessuren davon. Die Antenne hat ein wenig Schlagseite.

Nachdem zunächst das Beben und der anschließende Tsunami die Medien beherrschten, wich diese Katastrophe schnell einer anderen: Fukushima Daiichi. Zunächst war nur von einer Havarie die Rede, die sich jedoch schnell zu einer Katastrophe ausweitete. Als am Samstag, 12.03., die erste Explosion in einem der Reaktorhäuser stattfand, war es in Tokyo plötzlich nicht mehr so friedlich und ruhig. Plötzlich wurden die Japaner aktiv und kauften die Läden leer. Wasser, Reis und sogar Brot waren nicht mehr zu kriegen. Die Informationspolitik der japanischen Regierung wie auch der Betreibergesellschaft TEPCO ließen zu wünschen übrig. Woher die deutschen Medien ihre Informationen bezogen blieb unklar. Es war jedoch zu beobachten, dass in den deutschen Medien durchaus eine politische Note in Bezug auf die aktuelle Laufzeitdebatte der AKWs zu beobachten war. So war Japan nach einigen Berichten schon am späten Samstagnachmittag in einer großen atomaren Explosion vom Angesicht der Erde verschwunden. Meiner wissenschaftlichen Ansicht nach, war das bis zum Sonntagabend geschehene noch kein großer Grund zur Besorgnis. Und so machten Sebastian und ich eine Grillparty auf Sebastians Balkon immer in der Hoffnung den Atompilz des explodierten Kraftwerks zu sehen. Aber es passierte nichts.
Auch am folgenden Montag ging alles wie gewohnt. Einziger Unterschied war die stark reduzierte Teilnehmerzahl im Gruppenmeeting. Gegen 10:15 Uhr, also während des Meetings, gab es ein Erdbeben der Stärke 6,3 in der Bucht von Tokyo. Aufgrund der soliden Bauweise des ältesten Gebäudes auf dem Campus war dieser Erdstoß nur gedämpft wahrzunehmen. Im Laufe des Tages allerdings verschlimmerte sich die Situation in Fukushima. Und nachdem immer mehr meiner nicht-japanischen Freunde das Land verließen, wurde es auch mir mehr und mehr mulmig zumute. Sebastian hatte sich, da in seinem Labor keine Aktivitäten bis zum Ende der Woche geplant waren, dazu entschlossen, mit dem Nachtbus nach Osaka zu fliehen. Ich hielt dies zu diesem Zeitpunkt noch für verfrüht.
 
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Auch das Kreuz der St. Ignatius-Kirche hing nur noch am seidenen Faden.

Der Dienstagmorgen begann dann mit einer weiteren Hiobsbotschaft: Eine weitere Wasserstoffexplosion in Fukuschima. Gegen Nachmittag wurde es mir dann zu bunt. Ich raste nach Hause, schnappte mir den schon seit Sonntag bereitstehenden gepackten Koffer und nahm den nächsten Shinkansen nach Osaka. Dort quartierte ich mich in einem Hostel ein, dass Sebastian mir freundlicherweise reserviert hatte. Ich hatte Glück, so früh gefahren zu sein. Nur eine Stunde später und ich wäre nicht in Osaka angekommen, da ein starkes Beben in Shizuoka jeglichen Schienen- und Straßenverkehr zum erliegen brachte.
In Osaka verbrachten wir dann die nächsten sechs Tage in 750km Entfernung von Fukushima in einiger Sicherheit und Normalität. Immer allerdings ein Auge auf die Medien und die von der Uni mitgeteilten Strahlungswerte der verschiedenen Campi der Uni Tokio. Zu diesem Zeitpunkt hatten auch Liang-da und Shraeddha das Land verlassen.
 
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Vielen Geschäften gingen die Vorräte aus. Oftmals blieb nur Bier zur Versorgung.

 
Zum ersten Mal in meinem Leben war ich ein Flüchtling. Ein interessantes Gefühl. Zumal nicht vergleichbar mit dem, was meine Großeltern nach dem Krieg erlebten. Ich floh komfortabel in einem Hochgeschwindigkeitszug und hatte ein Einzelzimmer mit Internetanschluss.
 
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Auf der Flucht. Einzelzimmer mit Internet. So komfortabel kann fliehen sein.

 
In Osaka gab es genügend Nahrungsmittel und Getränke und es fehlte wirklich an nichts. Die deutsche Botschaft folgte einen Tag später nach Osaka und empfahl den Deutschen, die in Tokio leben, doch nach Westjapan auszuweichen.
Am Montag kehrten Sebastian und ich dann nach Tokio zurück, nur um festzustellen, dass es aufgrund der Strahlungswerte überhaupt nicht notwendig gewesen wäre, zu fliehen. Die höchste in Tokio verzeichnete Strahlung wurde am Dienstagmorgen gemessen. Und da war ich noch in Tokio. Die Strahlung stieg erst wieder an, als ich zurückkam. Diese erhöhten Werte lagen allerdings noch immer weit unter dem, was in Deutschland oder anderen europäischen Ländern an Strahlung gemessen wird.
 
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Radioaktivität in Tokio nach der zweiten Explosion in Fukushima.

Jedenfalls waren meine Kollegen erstaunt, aber auch erfreut, als ich am Dienstagmorgen wieder an meinem Arbeitsplatz erschien. Zumal sich mittlerweile eine recht intensive Anti-Ausländer-Stimmung in der Bevölkerung breit machte. Gut 200.000 Ausländer hatten das Land verlassen und Arbeitgeber, Kunden, Personal und Mitarbeiter im Stich gelassen. Da Sebastian und ich uns nicht vorstellen konnten, wie Roppongi ohne Ausländer aussehen würde, setzten wir für den nächsten Samstag eine Exkursion an. Und wirklich, es waren kaum Ausländer zu sehen. Ebenso in Shibuya. Zudem herrschte hier eine recht interessante Stimmung, da die riesigen Werbetafeln und Videowände nicht eingeschaltet waren und die sonst so grell erleuchtete Shibuya-Crossing in totaler Finsternis lag.
Die Tage und Wochen nach der Rückkehr nach Tokio verbrachte ich so normal wie möglich. Allerdings schleppe ich immer meinen Pass und andere wichtige Dokumente mit mir herum und zu Hause steht der Notfallrucksack fertig gepackt.
Die Nahrungsmittellage hat sich mittlerweile auch wieder entspannt. Wasser ist zwar immer noch nicht überall und immer zu kriegen, aber immerhin ist es nicht mehr notwendig auf Leitungswasser zu verzichten. Nachdem es kurzfristig Panikkäufe von Wasser gab, da in einer der Wasseraufbereitungsanlagen für Tokio ein Grenzwert für die Nutzung des Trinkwassers für die Zubereitung von Babynahrung gab, hat sich auch die Belastung des Trinkwassers normalisiert. Hierzu sei angemerkt, dass die Grenzwerte für Strahlung in Trinkwasser in Japan wesentlich strenger sind, als in Deutschland. Während in Japan der Verzehr von Trinkwasser schon ab 300 Bq/kg Jod-131 untersagt wird, liegt der Grenzwert in Deutschland bei 600 Bq/kg.
Nun, einen Monat nach der Katastrophe, ist die Situation in Fukushima noch nicht 100% unter Kontrolle, jedoch ist die Gefahrenlage nicht mehr als akut, sondern eher als chronisch zu bezeichnen. So langsam sind auch die Informationen klarer, die man über die Ereignisse bekommt und es ist leichter, die gemessenen Strahlungswerte im Vergleich zu betrachten und sich selbst ein Bild von der Situation zu machen. Ich jedenfalls fühle mich hier in Tokio sicher, habe aber immer ein wachsames Auge auf die Entwicklung.
 
Zur vielgestellten Frage, warum ich „nur“ nach Osaka geflohen bin und nicht nach Deutschland, möchte ich eine Gegenfrage stellen: Nehmt den Standort des nächsten AKW in eurer Nähe und zieht einen Kreis mit dem Radius 250 km und einen Kreis mit dem Radius 750 km. Liegt ihr näher als 250 km an diesem AKW? Und wo wäret ihr, wenn ihr, wie ich in Osaka, 750 km entfernt wäret? Und dann stellt euch die Frage: Würdet ihr soweit gehen und alles zu Hause im Stich lassen? Oder würdet ihr sogar nach Amerika gehen, nach Asien oder Australien?
Meine Heimat ist nun Japan. Ich lebe und arbeite hier und habe hier Freunde. Ich sah und sehe keine Veranlassung dieses Land zu verlassen, nur weil es in eine schwierige Situation geraten ist. Und außerdem wäre mir ein Economy-Ticket für 8000 bis 9000 Euro einfach zu teuer gewesen.
 
Viele der Geflohenen mussten bis zum 1.4. zurück sein, um nicht ihre Arbeitsplätze, Studienplätze oder Stipendien zu verlieren. Viele sind zurückgekehrt, obwohl die Situation in Fukushima sich nicht wesentlich verbessert hat. Und viele fragen sich, ob es nötig war zu fliehen. Denn die Japaner hatten keine Chance woanders hin zu gehen.
 
Übrigens wackelt es noch oft gewaltig. Es wackelt sogar, wenn es gar nicht wackelt. Nach mittlerweile tausenden Nachbeben und hunderten mit mehr als 5,0 erleide ich ein Phänomen, dass sich „Phantom-Erdbeben“ nennt. Mein Körper fühlt die Erde beben, auch wenn sie es nicht tut. Und ich bin nicht der Einzige, der so fühlt.

Jetzt, fünf Jahre später, lebt es sich in Japan wieder normal. Zumindest von meiner Warte aus gesehen. Viele Menschen aus den betroffenen Regionen leben selbst heute noch in Notunterkünften über ganz Japan verstreut und können, oder wollen auch nicht mehr zurückkehren. Ihre Zukunft ist auch heute noch ungewiss und wird sich noch verschlimmern, wenn im nächsten Jahr die Zuschüsse für Mieten für Geflüchtete wegfallen.
Im Alltag bekommt man nicht wirklich viel mit, was mittlerweile in Fukushima passiert. Zwar gibt es immer mal wieder Berichte über illegal entsorgten atomaren Abfall und schlampige Arbeit bei der Reinigung der verseuchten Landschaft, aber so richtig stören tut es keinen. Angeblich sind die Krebserkrankungen angestiegen. Da es aber keine Vergleichsdaten von vor der Katastrophe gibt, sind diese Aussagen mit Vorsicht zu genießen. 

Auch auf mich persönlich hat das Erleben dieser Katastrophe starke Auswirkungen gehabt. Ausländer, auch ich, sind im Ansehen der Japaner stark gesunken, da sie einfach abhauen und ihre Kollegen im Stich lassen, wenn es brenzlig wird. Aus dem eh schon despektierlichen „Gaijin“ (jap. für Ausländer) wurde schnell der „Flyjin“.
Zu Hause haben wir neben unseren gepackten Notfallrucksäcken auch immer eine gewisse Menge Dosen- und Tütenfutter, sowie Wasser vorrätig. Wir werden nervös, wenn sich lange Zeit kein Erdbeben in Tokio spüren lässt, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf: Da stauen sich Spannungen auf, die sich vielleicht in was Großem entladen.

Nicht zuletzt hat man gelernt, nicht immer alles zu Glauben, was die Regierung und/oder die Medien verbreiten. Ab und zu ist es auch von Vorteil, den gesunden Menschenverstand einzuschalten und selber die Gefahr abzuwägen. Oder man ist Wissenschaftler so wie ich und hat Zugang zu anderen Informationsquellen.Habe ich etwas falsch gemacht, dass ich Japan geblieben bin? Bin ich verstrahlt (ich weiß, einige sagen jetzt: Aber total! Warst Du ja schon immer!)? 

Ich für meinen Teil bin gerne in Japan. Und Erdbeben gehören einfach mit allen Konsequenzen dazu. Atomkraftswerksexplosionen allerdings nicht. Aber welches Atomkraftwerk hat keine Problem…

Statistisch gesehen kommen Atomkraftwerkskatastrophen alle 10.000 Jahre vor. Demnach muss ich schon ein wenig älter als 10.000 Jahre sein, denn mit Tschernobyl und Fukushima habe ich schon zwei dieser Katastrophen erlebt. Und es wäre wünschenswert, wenn nicht noch eine dazu kommt. Mir reicht es wirklich.

Ich freue mich auf Kommentare!