Mit dem Fahrrad in die Vergangenheit: Shibamata

Shibamata

Nur gut zehn Kilometer Luftlinie von unsere Behausung entfernt liegt die kleine verschlafenen Ortschaft Shibamata. Wie den „Tag des Sports“ (jawohl, das ist ein offizieller Feiertag in Japan) also besser nutzen als mit ein wenig sportlicher Betätigung. Da mit den angenehmeren Temperaturen im beginnenden Herbst Outdoor-Aktivitäten leichter zu bewältigen sind als im heißen und schwülen Sommer, schwangen wir uns auf unsere Fahrräder um einen längst fälligen Ausflug nach Shibamata zu unternehmen.

Entlang der Flüsse Edogawas finden sich nicht nur dichte Bebauung,

… sondern auch üppige Blumenwiesen.

Entlang der Flüsse Edogawas

Unsere Lage am Fluß- und Kanalsystem zwischen den Flüssen Arakawa, Nakagawa und Edogawa erlaubt es, den Straßen auszuweichen und den gut ausgebauten Radwegen entlang des Wassers zu folgen. 

Entlang der Route lässt sich einiges entdecken. Wie etwa dieser Raumflug-Kindergarten.

Hoch auf dem Deich oder direkt unten am Fluss führte unser Weg zunächst zum Zenyo-ji Tempel. Dieser Tempel von 1527 beherbergt eine rund 600 Jahre alte, gewaltige Kiefer mit Namen Yogo no Matsu. Ihre Äste erstrecken sich rund 30 Meter in jede Richtung und machen diese Kiefer zum Baum mit der größten Flächenbedeckung in Japan.

Eingang zum Zenyo-ji Tempel.

Die große Kiefer im Zentrum der Tempelanlage breitet ihre Äste rund 30 Meter in jede Richtung aus.

Erst von unten sieht man die Dicke des Stammes und die Stützen, welche die enormen Äste halten müssen.

Bekannt ist der Zenyo-ji außerdem für seine alljährliche Chrysanthemen-Schau, bei der Gärtnereien und Privatpersonen um die Trophäe für die schönsten Blumen wetteifern.

In Vorbereitung auf die Chrysanthemen-Schau werden japanische Landschaften in Miniatur nachgebaut. Inklusive Brücken, Flüssen und Bergen.

Nach kurzer Rast schwangen wir uns wieder auf unsere Pedalrösser und fuhren gemächlich in Richtung unseres Ziels. Auf den weiten Flächen zwischen Deich und Fluss erstrecken sich nicht nur Blumenwiesen und weite Rasenflächen zum In-der-Sonne-liegen, sondern hier sind auch Fußball-, und Baseball-Felder sowie Tennisplätze angelegt, die vor allem von den örtlichen Vereinen für ihre Ligaspiele genutzt werden. Und am „Tag des Sports“ war hier natürlich einiges los.
In Shibamata angekommen, lebt das traditionelle Japan schon direkt am Ufer auf. Nachbauten alter Flussfähren setzen hier Touristen über den Fluss. 

Auf traditionellen Holzbooten wird über den Fluss gesetzt.

Direkt oben auf dem Deich befindet sich auch der Eingang zu einer der Hauptattraktionen Shibamatas, dem Tora-san-Museum. Es ist Torajiro Kuruma, kurz Tora-san, gewidmet, der Hauptfigur aus der japanischen Filmreihe 男はつらいよ (Otoku wa tsurai yo, etwa: Hartes Brot, ein Mann zu sein, 1969 – 1997). Vor allem ältere Fans der Filme pilgern deswegen hierher.

Gärten, Tempel und viel Geschichte

Nächster Halt auf unsere Reise durch Shibamata war die ehemalige Kaufmanns-Villa Yamamoto-tei. Ein Mix aus westlicher und japanischer Einrichtung, sowie ein herrlicher Blick in den japanischen Garten machen dieses Haus zu einem interessanten Ziel. Und der Eintritt von nur 100 Yen ist gewiss kein Hindernis für einen Besuch.

In westlichem Stil gehaltener Salon der Yamamoto-tei.

Blick in den japanischen Garten der Villa.

Nur einen Steinwurf entfernt von Yamamoto-tei liegt der Taishakuten Tempel. Hinter dem imposanten Eingangstor erstreckt sich eine Tempelanlage mit verschiedenen Hallen, Gebetsräumen und einem Garten, den man auf einem erhöhten und überdachten Holzweg durchstreifen kann. Der 1629 errichtete Tempel ist einer der wenigen, die den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden haben. Taishakuten ist eine buddhistische Gottheit, die dem Gott Indra aus dem Hinduismus entspricht.

Das Torhaus zum Taishakuten-Tempel ist übersät von kunstvollen Schnitzereien.

Die einzelnen Gebäude des Tempels sind über hölzerne Brücken miteinander verbunden.

Der Brunnen auf dem Tempelgelände soll heilende Wirkung haben.

Von einem überdachten Holzweg aus lässt sich auch bei Regen der Blick in den Garten genießen.

Der Tempel-Garten. Ein Ort der Stille und Besinnung.

Besonders berühmt ist der Tempel jedoch für seine vielen Holzschnitte, die sowohl innen, als auch außen an den Tempelwänden angebracht sind. In ihrer Dreidimensionalität und ihrem Detailreichtum geben sie das Leben und die Lehre der buddhistischen Mönche vor hunderten von Jahren sehr gut wieder. Mit dem Kombi-Ticket für 400 Yen lassen sich Garten und Holzschnitte aus der Nähe betrachten.

Die äußeren Tempelwände sind mit kunstvollen Schnitzereien verziert. Jedes der Felder erzählt eine eigene, kleine Geschichte.

Der Detailreichtum und die Dreidimensionalität werden von den hellen Staubablagerungen noch einmal verstärkt. Abgestaubt wird nur einmal im Jahr – um nichts zu beschädigen.

Der Zugang zum Tempel bildet gleichzeitig den Beginn der Haupteinkaufsstraße von Shibamata. Diese malerische und sich durch den Ort windende Straße beherbergt eine Vielzahl an Läden und Restaurants im Stil alter Kaufmannshäuser. Viele der Läden bieten schon seit vielen Jahrzehnten die traditionellen Odango, kleine Reisbällchen auf Spießen, oder gegrillten Flussfisch an.

Die historischen Kaufmannshäuser säumen die Hauptstraße und lassen ein Gefühl längst vergangener Zeiten aufkommen.

Toraya, der Laden, in dem ein Großteil der Filme um Tora-san spielt.

Am Ende eines ereignisreichen Tages belohnt man sich mit Odango. Ob süß mit Rote-Bohnen-Paste oder herzhaft gegrillt mit Nori bestreut. Jeder findet hier seinen Favoriten.

An ihrem anderen Ende liegt der Bahnhof Shibamata mit der Tora-san-Statue.
Trotz des guten Wetters und des Feiertages waren nicht viele Menschen in Shibamata unterwegs, was den Besuch besonders ruhig und entspannend machte.

Ein Automat im Roboter-Look? Oder ein Roboter mit integriertem Getränkeautomat? Ratespiele am alten Spielzeug-Museum.

Statue von Tora-san am Bahnhof Shibamata.

In die untergehende Sonne hinein begaben wir uns dann auf den Rückweg an dessen Ende eine Gesamtreisedistanz von gut 35 Kilometern und eine Reise- und Besuchszeit von fünfeinhalb Stunden standen. Ein rundum gelungener Tag mit einer guten Mischung aus sportlicher Bewegung und kulturgeschichtlicher Vielfalt.

Auch mitten in der Region Tokio lassen sich ruhige Fleckchen am Wasser finden.

                     

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