Sommer in Tokio – Feuerwerk, Matsuri, Zikaden Teil II

Matsuri
‚Matsuri‘ im Japanischen bedeutet ‚Festival‘ oder ‚Feiertag‘. Während des gesamten Sommers finden diese Festivals überall in Japan statt. Dabei gibt es keine festen Zeiten. Vielmehr knubbeln sich Matsuris rund um ‚Obon‘.

Exkurs  ‚Obon‘:
Obon ist ein buddhistischer Brauch zu Ehren der verstorbenen Altvorderen. Zu dieser Zeit, traditionell am 15. Tag des 7. Monats des Mondkalenders, besuchen die Geister der Ahnen die Hausaltäre. Um ihnen einen würdigen Empfang zu bereiten kehren die Familienmitglieder in ihre Heimatstädte und -dörfer und reinigen die Gräber der Verstorbenen und bereiten Opfergaben zu.
Die Hauptreisezeit im japanischen Sommer ist zu Obon. Viele Japaner nehmen ihren Sommerurlaub, kehren in ihre Heimat zurück und zelebrieren Obon.

Neben den großen Matsuris an berühmten Tempeln oder anderen, meist religiösen Orten, gibt es auch die kleinen Matsuris, die von lokalen Tempeln und Schreinen, oder auch von Nachbarschaften veranstaltet werden.

Wir haben dieses Jahr das Matsuri in Nagisa Newtown, einer Hochhaussiedlung im Südosten Edogawas besucht.

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Der Festplatz in Nagisa Newtown.

Mit dem Fahrrad war das Festival in gut 20 Minuten zu erreichen. Der Festplatz selbst war geschmückt mit Laternen und einer großen, zweistöckigen Bühne in der Mitte.
Rundherum waren Fress-Stände mit Takoyaki, Yakiniku, Okonomiyaki, gegrillten Tintenfischen und anderen Köstlichkeiten aufgebaut.

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Ganze Tintenfische auf dem Grill. Zubereitet von einem unbekannten Krieger.

Für die Kinder gab es Spiele, wie das traditionelle Fischen nach Plastikfischen mit einem Kescher aus Reispapier. Es ist schwieriger als es sich anhört, da das Papier, einmal nass, sofort reißt, wenn das Gewicht des Plastikfisches darauf zu ruhen kommt. 
Als Nachtisch gehört bei einem Matsuri ein Becher Shaved Ice mit Sirup in verschiedenen Farben und Geschmacksrichtungen. Herrlich künstlich, aber sehr erfrischend.

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Shaved Ice mit Kirschgeschmack.

Zu einem Matsuri rund um Obon, gehört natürlich auch der traditionellen Bon Odori, der Bon- Tanz. Die Tänzerinnen, gekleidet in Sommerkimonos, stehen hierzu auf der Bühne oder auch drumherum und laden jeden ein, am Tanz teilzunehmen.

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Bon-Odori Tänzerinnen.

Die traditionelle Musik für den Bon-Odori kam zwar aus der Konserve, wurde aber tatkräftig von den Taikos (Trommeln) auf und vor der Bühne unterstützt.

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Bon-Odori Tänzer und Taiko-Unterstützung.

Als besonderes Highlight, und um dem Anlass des Obon gerecht zu werden, wurden portable Schreine unter großem Geschrei der Tragenden um die Bühne getragen. Neben dem Haupt-Schrein, gab es auch einen Mini-Schrein, bei dem die kleinen Kinder tragen konnten.

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Porabler Schrein. Getragen von kräftigen Kerlen.

Dieses Matsuri, wie so viele seiner Artgenossen, wurde von Freiwilligen organisiert. Da es kein kommerzielles Ziel verfolgte, waren die Preise für Essen und Trinken sehr moderat. 
Was mir auch aufgefallen ist, dass sehr viele junge Leute, auch Teenager in der Blüte ihrer Pubertät, sich sowohl an den Ständen als auch an den Tänzen und dem Schreintragen beteiligen und dabei traditionelle Kleidung wie Yukata oder Kimono tragen. 
Traditionen werden auch von der jungen Generation in Japan gerne fortgeführt.


Zikaden

Der Sommer in Japan ist der Einzige, den ich kenne, der einen eigenen Soundtrack hat: Den Gesang der Zikaden.
Selbst wenn die große Hitze und die unerträgliche Schwüle nach der Regenzeit Japan schon fest in ihrem Griff haben, beginnt der Sommer für viele Japaner erst, wenn die Zikaden mit ihrem Gesang begonnen haben. Diese Empfindung geht soweit, dass in vielen japanischen Filmen und Serien der Zikadengesang als Stilelement verwendet wird, um anzuzeigen, dass eine Szene im Sommer spielt.

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Graptopsaltria nigrofuscata, oder Abura-zemi, wie sie in Japan heißt. Gut 5 cm lang.

Generell ist der Gesang der Zikaden ohrenbetäubend und es raubt einem den letzten Nerv, hat man eines dieser possierlichen Viecher auf dem Balkon sitzen. Die Tonaufnahme hier lässt erahnen, wie laut es in Japan im August zugeht. (FunFact am Rande: Damit sich die Zikade mit ihrem Lärm nicht selbst auf den Sack geht, kann sie ihr Gehör abschalten.)

Eine weit verbreitete Beschäftigung für Kinder, hauptsächlich Jungs, ist die Jagd nach den Zikaden. Sie gehören zu den wenigen großen Insekten, die man auch in Geschäften kaufen kann. Aber es macht natürlich sehr viel mehr Spaß, sie mit Schmetterlingsnetzen zu jagen und dann in Insektencontainern nach Hause zu bringen.

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Cryptotympana facialis, oder Kuma-zemi.

Die Lebenszeit einer Zikade ist recht kurz. Nachdem sie nach etwa 2 bis 5 Jahren Larvenzeit aus ihren unterirdischen Höhlen gekrochen sind, haben sie nur ein paar Wochen Zeit einen geeigneten Partner zur Vermehrung zu finden und Eier abzulegen (Uuuups, da kommt wohl gerade der Biologe in mir durch…).
Gegen Ende August sterben die Zikaden und fallen zu Hauf von den Bäumen. Es bleibt nicht mehr als eine leere Chitinhülle, die wunderbar knackt, wenn man drauftritt. Allerdings muss man aufpassen, dass man nicht eine sogenannte Zikadenbombe erwischt. Eine Zikadenbombe ist ein Tier, dass zwar tot aussieht, aber noch sehr lebendig ist, und plötzlich mit lauten Gezirpe über den Boden schießt. Also: Vorsicht!


Krabbelgetier

Japanische Jungs, aber auch gestandene Männer und gebrechliche Greise, haben eine Sommerbeschäftigung, die sie auch gemeinsam ausüben: Käfersammeln.
Bewaffnet mit Schmetterlingsnetzen, Sammelbehältern, Stirnlampen und allem, was man sonst noch so braucht, streifen sie durch die Natur um der reichhaltigen Insektenwelt Japans habhaft zu werden. An großen Käfern und Schmetterlingen mangelt es hier nicht.
Und sollte einem das Glück einmal nicht Hold sein, so kann man die Käfer auch für ein paar Yen im Supermarkt kaufen.

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Nashornkäferpaar mit Gelee-Futter und Transportkiste für etwa 8 EUR.

Neben den Tieren selbst kann hier das als Gelee bereitgestellte Futter sowie Rindenmulch, Transportboxen und anderes Zubehör für den Chitin-Freund erworben werden.
Es soll sogar Automaten geben, an denen man Käfer kaufen kann. Gesehen habe ich noch keinen. Ich werde aber die Augen offen halten.
Außerdem revoltiert der Biologe in mir. Tiere, und seien es „nur“ Insekten, sollten nicht in einem Supermarkt oder Kaufhaus angeboten werden.

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Nashornkäfer in Großaufnahme.

Ich freue mich auf Kommentare!